Wenn ich meinen Worten einen Titel geben müßte, würde der etwa lauten: „Christa Wolf oder wie ich zum Edieren kam“. Lassen Sie mich also mit Christa Wolf anfangen.
Christa Wolf.
1979 habe ich meine Assistenz am Deutschen Seminar der Universität Basel begonnen: mit einem Proseminar über Christa Wolfs Roman Nachdenken über Christa T. Ich war – wie alle Seminarteilnehmer – begeistert, ja betroffen von dem Buch. Später kam die Erzählung Kein Ort. Nirgends, die über eine fiktive Begegnung zwischen Kleist und einer mir damals völlig unbekannten romantischen Autorin namens Karoline von Günderrode berichtete. Der Name blieb haften. Auch die Person: Ohne einen einzigen Text von ihr zu kennen, glaubte man, ihre Nähe zu spüren. Dann aber erschien Christa Wolfs nächstes Buch: Karoline von Günderrode. Der Schatten eines Traumes – und alles war anders. Ein wunderbarer Essay, der Karolines eigene Texte direkt zu Wort kommen ließ, mit Titeln wie: Liebe, Überall Liebe, Die Einzige, Die eine Klage … Verse, die mit seltsamen Augen zwischen Christa Wolfs einfühlenden Prosazeilen hervorschauten. Nach dem Essay aber eine größere Zusammenstellung ausgewählter Texte: Gedichte, Prosa, Briefdokumente. Und hier, auf sich selbst gestellt, erschienen die Gedichte und Prosatexte viel fremder und sehr weit weg. Ich war fasziniert darüber – und ratlos. Jedenfalls so irritiert, daß ich beschloß, dieses Buch (Der Schatten eines Traumes) anläßlich einer Ringvorlesung über literarische Neuerscheinungen zu besprechen.
Im Vorfeld der heutigen Veranstaltung ist mir das Vorlesungs-Manuskript von damals wieder in die Hände gefallen. Es ist ein Lob von Christa Wolfs Essay, der mir aus dem Herzen sprach. Ebensosehr jedoch ist es eine philologische Kritik an der Auswahl und Anordnung der Texte, aber auch an der Art und Weise ihrer Darbietung. Obwohl damals editorisch unbedarft wie die meisten Germanisten, glaubte ich doch zu bemerken, daß am einen oder andern Ort etwas nicht ganz zu stimmen schien. Vor allem eines der Nachlaß-Gedichte war mir unverständlich:
Einer nur und Einer dienen
Das ermüdet meine Seele.
So begann es, mit dem Überdruß des Ich an jeglicher Beschränkung, um dann, nach 12 Versen mittendrin und ohne daß man es richtig bemerkt, ins Gegenteil, ins Lob der Beschränkung, zu verfallen:
Nicht zur Heimath wird die Weite
…
Schön ist was sich grenzt und g’nüget,
Treu um eines sich beweget …
Ich habe mir damals den Luxus geleistet, ohne die deutsche Kurrentschrift lesen zu können, hierher, ins Deutsche Hochstift, zu fahren und mir diese eine Handschrift im Original zeigen zu lassen. Christa Wolfs fadengeheftete Leinenausgabe hatte den Vorteil, daß auf den beiden Deckelinnenseiten ein Stück Handschrift abgebildet war, anhand derer ich mich – während der dreistündigen Zugfahrt – notdürftig in die fremde Schrift einzulesen begann.
Was brachte meine Frankfurt-Fahrt? Eine Bestätigung: daß das konfus erscheinende Gebilde wirklich im Original anders lautete. Es enthüllte sich als eine Art antithetisches Doppelgedicht: auf der Vorderseite die Bejahung des Schrankenlosen, auf der Rückseite der Ruf nach Einschränkung. Eine Vermittlung zwischen den beiden Hälften gibt es nicht.
Leopold Hirschberg, der Herausgeber der wichtigsten früheren Werkausgabe (1920-22), hat das offenbar nicht wahrgenommen und außerdem in seiner Textwiedergabe eine ganze Anzahl von Versen übergangen. Darin sind ihm spätere Ausgaben – auch diejenige von Christa Wolf – wohl notgedrungen gefolgt. Umso mehr freut es mich, daß die jetzt im Insel Verlag neu aufgelegte Ausgabe von Christa Wolf die literarischen Texte (also auch das genannte Gedicht) aus der Kritischen Ausgabe übernommen hat. – Für mich aber war die damalige Entdeckung, daß ein Text nicht gleich ein Text ist und daß nicht alles, was schwarz auf weiß steht, getrost nach Hause getragen werden kann, etwas Neues: mein erster Schritt in die Welt der Textkritik.
Die Günderrode-Edition
Der nächste Schritt: von der philologischen Kritik zur eigenen Editionstätigkeit war nicht mehr weit. Denn was für mich ebenso wegweisend wurde, war die Begegnung mit Originalen, mit Handschriften, mit den – grünen und nichtgrünen – Blättern, welche die Autorin selbst, mit spitzer und stumpfer Feder oder mit Bleistift beschrieben hatte. Und diese sehr spezifische Erfahrung verband sich mit der mehr methodischen Frage: auf welche Weise originale Befunde systematisch und nachvollziehbar darzustellen seien. Das war dann wohl der innere Anstoß zu einer Tätigkeit, die ich bis heute ausübe.
Mehr von außen halfen ein paar Dinge nach: Mein Berufskollege, Wolfram Groddeck, seinerseits von der Hölderlinphilologie herkommend, begann mich sofort mit aller Inbrunst von der Wichtigkeit editorischen Arbeitens zu überzeugen, und eben so schnell bekundete der Stroemfeld-Verlag sein Interesse an einer Historisch-Kritischen Günderrode-Ausgabe. Die Universität Basel ermöglichte mir die Inangriffnahme dieses Projektes im Rahmen meiner Instituts-Anstellung. Und so brauchte es nur noch den Schweizerischen Nationalfonds (das schweizerische Pendant zur DFG), der – nach einigem Hin und Her – die Druckkosten übernahm.
Kurz: es ist gekommen, wie es vermutlich kommen mußte …
Und was ist daraus geworden? Drei stattlich diskrete Bände in rostbraunem Leinen, 1991 erschienen: ein Textband, ein Variantenband und ein Kommentarband. Der Textband umfaßt sämtliche publizierten und nachgelassenen Werke, buchstabengetreu wiedergegeben nach den Erstdrucken und Handschriften. Der Variantenband enthält – neben den Varianten – auch Günderrodes Studien zur Philosophie, Religionsgeschichte, Geographie, Physiognomik usw. Der Kommentarband äußert sich zur Entstehung und Überlieferung der Texte, bringt die entsprechenden Briefauszüge und zeitgenössischen Rezensionen.
Ich selbst habe die Bände lange nicht mehr in Händen gehabt. Nachdem sie fertiggestellt waren, habe ich mich wohl etwas treulos von dem Stiftsfräulein verabschiedet und einem Autor zugewandt, der mir in fast jeder Beziehung näher steht. Heute, 15 Jahre später, wenn ich in der eben neu aufgelegten und fast schon poppig aufgemachten Ausgabe blättere, bin ich erstaunt, wie anders mir jetzt das Ganze gegenübertritt und wie versöhnlich ich gar das Problematische entgegennehme: z. B. das weitgehende Fehlen von Handschriften-Faksimiles oder die Verbannung handschriftlicher Korrekturen in den Variantenapparat. Manches würde ich heute sicher anders anpacken. Nicht aber die Hauptprinzipien, von denen ich zumindest drei oder vier zum Schluß in Erinnerung rufen möchte.
- Erstens: die Trennung von Biographie und Werk (Der Brieffreund Eusebio ist zunächst und vor allem Eusebio und nicht Friedrich Creuzer)
- Sodann die Unterscheidung von publizierten und nachgelassenen Texten (ein Entwurf ist kein gedruckter Text); und ebenso die Separierung von Zweifelhaftem, das nicht sicher der Günderrode zugerechnet werden kann (ziemlich wichtig!)
- Drittens die Wiedergabe der publizierten Bändchen in ihrer originalen Anordnung, also nicht die übliche Aufteilung in Gedichte, Prosa usw.
Im ersten Bändchen (Gedichte und Phantasien, 1804) z. B. lösen sich Prosatexte, Gedichte, philosophische Dialoge und Dramolette ab, aber auch ganz unterschiedliche Inhalte und Stiltendenzen. Nimmt man nun die Gedichte heraus, oder läßt weg, was einen nicht anspricht, zerstört man den Duktus, der dem Werkzyklus als ganzem eignet. - Zu den Hauptakzenten gehört vor allem auch die Vollständigkeit.
Das hat etwa zur Folge, daß, zusammengerechnet, fast 2/3 aller publizierten Textseiten auf dramatische Texte entfallen. Die dramatischen Versuche bilden nicht nur den Hauptanteil des Werks, sondern verraten vielleicht auch am meisten über dessen innerste Ambivalenz. Liebesgedichte oder naturphilosophisch inspirierte Prosadialoge sind das eine. Des adligen Fräuleins Dramentexte aber das andere: Exekutionsstätten meistens, wo Religionsstifter die Welt erobern, Frauen zu Meuchelmörderinnen ihrer Wohltäter werden, Brüder, um die Liebe zu erzwingen, ihre Brüder umbringen und am Ende ein gigantischer Moloch Himmel und Erde verschlingt.
Damit ist auch mein Schlußstatement eingeleitet: Günderrodes literarisches Schaffen läßt sich nicht auf einen Nenner bringen. Wer den Textband durch liest, begegnet darin einer Welt voller Widersprüche, offener Fragen, unvermittelter Abbrüche. Günderrodes jäher Tod hat der Frage, ob je ein Ganzes daraus werden würde, den Boden entzogen. Es bleibt uns also nur, die Brüche nachzuzeichnen und, ohne sie zu vergessen, beim einen oder anderen, das uns gelungen scheint, zu verweilen.