Tagebuch 2013

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Corporate Identity. — Die Uni Zürich kann ihren Absolventen das Diplom im nächsten Frühjahr nicht ausliefern, weil die Schriftzüge und Logos des neuen Corporate Designs, das schon seit 2010 eingeführt wird und eine halbe Million Franken kostet, noch nicht auf die Abschlusspapiere appliziert werden konnten.

Kein Aprilscherz!

 

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Beim Stöbern in alten Abstellkartons ist mir jenes "Zivilschutzbüchlein" in die Hände gefallen, das 1969 an alle Haushaltungen zwecks Einübung in die geistige Landesverteidigung verteilt wurde, angestiftet vom Vorsteher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes. Ein unsägliches hetzerisches Machwerk von nicht weniger als 320 Seiten, das inzwischen glücklicherweise in vollständige Vergessenheit geraten ist.

Wir sind abwehrbereit
Wir schlagen zu
Wir machen den Igel

Aus dem Schreckensszenario des besetzten Landes:

In den Schulen wird der Religionsunterricht untersagt. Die Ausbildung von Pfarrern und Priestern wird unterbunden, so daß viele Gemeinden keine Seelsorger mehr haben. Jugend und Erwachsene werden durch allerlei Veranstaltungen systematisch vom Gottesdienst ferngehalten. Kommunion, Konfirmation und kirchliche Trauung werden unterdrückt. (S. 289)

Oder:

Viele Schweizerinnen und Schweizer werden erschossen oder in Konzentrationslager verschleppt. Dörfer werden zerstört. Doch diese Opfer haben nun einen Sinn – weil jeder Schlag gegen den Gegner uns der Freiheit näherbringt. (S. 295)

Das Büchlein kam um ein Jahr zu spät. Die 68er hatten schon die Universitäten besetzt, die Städte infiltriert, die Väter geköpft, die Pfaffen entmachtet und die anrückenden geistigen Landesverteidiger mit Hohn und Spott in die Wüste geschickt. So unerbittlich und zynisch ist die Weltgeschichte.
 

Samstag, 21. Dezember 2013

Noch drei Tage bis zum Ausbruch der Frohbotschaft! Die Innenstädte werden besetzt, die Fußgängerzonen überflutet, die Velos von den Strassen gedrängt, die Drämmlis überfallen, die Läden gestürmt, die Postschalter mit Paketen verrammelt, die Bank- und Postomaten gesprengt. Eingepackt und weggeschleppt wird, was nicht niet- und nagelfest ist. Die Heiligen drei Könige am Claraplatz rammen ihre Stöcke aufs Podest, die Heilsarmee bläst zum letzten Angriff. Die Theater werden zu Krippenspielen gezwungen, aus den Konzertsälen hallen Kantaten. Die Cliquen formieren sich und verteilen Schnitzelbängge zum Absingen. Girlanden, Fäden, Betlehemssterne, Baslerstäbe werden mit Doppelwatt entzündet. In Festzelten wird Glühwein gezapft. Vorsorglich wird jedem jetzt schon ein Weihnachtsfest gewünscht. Und ein neues Jahr.

Ist das nicht wunderbar?
 

Sonntag, 22. Dezember 2013

Wie jetzt, wo sich die Stunde x so bedrohlich nähert, leicht ersichtlich wird, ist der Countdown-Termin auf den Heiligabend gelegt worden, und zwar ungefähr auf 20.00h. Dann nämlich hat Jahr für Jahr bei uns zu Hause in der Stube das Glöcklein geklingelt, und wir Kinder wurden endlich vom Warten in der Küche erlöst und durften in die Stube treten, wo der Christbaum entflammt und das Christkind, das die Kerzen angezündet, eben durchs Fenster davon geflogen war. Jedesmal, wie verhext, war das Wunder da und der Wundertäter weg, so dass das wunderbare Geschehen mit den Jahrzehnten unvermeidlich die Züge des Katastrophischen annahm, welch bittere Erfahrung noch heute meine Weihnachtsvor- und -nachfreude durchsäuert.

Mehr und mehr kam mir aber der Verdacht, dass es vielleicht allen Menschen so gehen könnte, und sie nur deshalb von Geschäft zu Geschäft rennen, mit Wagenladungen von Geschenken nach Hause stressen, backen und packen, um diesen einen frustrierenden Moment des Eintretens mit dem wohlverdienten Zustand der Erschöpfung überspielen zu können.
 

Montag, 23. Dezember 2013

NZZ Titel-Hits (alle an einem einzigen Tag!):

«Denkanstösse im Abo» (NZZ Eigenreklame)

«Eine Familie, vier Fäuste» (Die ehemalige Boxweltmeisterin Christina Nigg trainiert ihren Sohn Mischa)

«Wer früh aufsteht, holt mehr Siege» (Der Österreicher Marcel Hirscher steht schon um sieben auf den Brettern)

 

Das Hindenburg-Omen

(Nachhilfe zur meterologischen Ökonomie)

Falls es jemand noch nicht wissen sollte: Das Hindenburg-Omen ist ein technisches Signal, das «auf eine nachlassende Marktbreite eines Aufschwungs hinweist» und auch das heuer erhoffte «Weihnachts-Rally» in Frage stellt. Kurz und bündig:

Ein Omen wird generiert, wenn folgende Parameter erfüllt sind: Erstens müssen von den an der New Yorker Börse gehandelten Titeln midestens je 2,2% ein neues 52-Wochen-Hoch bzw. 52-Wochen-Tief erreichen. Zweitens darf die Zahl der neuen 52 Wochen-Hochs nicht mehr als doppelt so hoch sein wie die Zahl der neuen Tiefs. Drittens muss an der NYSE die 50-Tage-Linie steigen, und viertens muss der McClellan-Oszillator – ein Mass für die Marktbreite und den herrschenden Trend – im negativen Bereich liegen. […] Ein Hindenburg-Omen gilt als gültig, wenn ein erstes Omen durch ein zweites innerhalb von 40 Tagen bestätigt wird.
(NZZ Börsen-Radar)

Manchmal folgt ein Börsencrash auf das Omen, manchmal nicht. Fehlsignale kommen vor und kommen nicht vor. Analytiker glauben und glauben nicht an das Omen.

Noch kürzer und noch bündiger: Vergiss es!
 

Dienstag, 24. Dezember 2013

wuensche

© Ute Schendel

Heute ist nun noch dieses Bild bei mir eingetroffen. Ist es ist nicht wie auf wessen Leib geschrieben? Weitblick, der einbrechenden Nacht entgegen, während der Himmel in euphorischer Stimmung nachblaut und ein Rosa-Orange-Feuerbrand sich als scheidende Hoffnung zwischen Himmel und Erde geschoben hat. Ganz rechts außen zwei pikante Räuchlein, die sich schräg nach oben verziehen: wie von ausgeblasenen Kerzen.