Tagebuch 2014
Dienstag, 28. Oktober 2014
Caspar Wolf, der Maler der Schweizer Alpen. Spannende Ausstellung im Kunstmuseum Basel. Die Menschlein, die auf jedem möglichen Aussichtspunkt stehen und mit ausgestreckten Armen auf die übermächtige Natur hinzeigen sind zu winzig, als dass man sie sich von Gefühlen ergriffen vorstellt: ein komisches Element im grandios Erhabenen.
Wieso aber sehen sich die Kuratoren immer wieder veranlasst, das malerische Universum zu didaktisieren? «Gesperrte Landschaft», «Flüchtigkeit des Wassers», «Figur im Gebirge» – nicht winzige Zeigefinger sind das, sondern Zaunpfahlwinke, die das Werk banalisieren.
Mittwoch, 29. Oktober 2014
Weindegustation. — Bei Gottfried Keller bekommen auch die Kinder ohne Bedenken ihr Glas Wein, wenn das Glück nahe ist (aber nur dann!):
So geschah es, und als eine kleine Stunde vorbei, vergnügten sich die Kinder wohlgesättigt an dem ungefährlichen Nachtisch. Jedes hatte ein Glas Wein bekommen, die Mutter aber deren drei getrunken, und nun dünkte der Mann sich im Paradiese zu sitzen, als die aufblühenden, leicht sich rötenden Antlitze mit frohen Augen ihm entgegen glänzten, wohin er blickte, als wollten sie ihm sagen, was das Glück sei: eine Art Kräutlein Kommnichtum!
Freitag, 31. Oktober 2014
Vaters Garten. Der letzte Film (2013) von Peter Liechti. Wieder im sehr besonderen Neuen Kino Basel
Ein erschreckend-traurig-berührender Film, ein Exempel von der Elterngeneration der Achtundsechziger. Geständnis der Mutter: «Geistig haben wir nie zusammengepasst. Körperlich auch nicht, würde ich sagen. Aber ich habe den Max wahnsinnig gern.»
Der Vater widmet all seine Liebe dem Schrebergarten, die Mutter findet ihre Erfüllung im Glauben. Zusammen hält sie einzig das einstige Eheversprechen und der unerbittliche Gang der Gewohnheit. Ist uns das nur fremd?
Sonntag, 2. November 2014
Basler Herbstmesse
(Erleuchtet: Münster, Riesenrad und Bruderholz-Spital)

Dienstag, 4. November 2014
- dass der Apotheker die Schrift meines Arztes entziffern kann;
- dass, wenn er irgendwas einzutippen beginnt, gleich die gewünschte Schachtel aus unbestimmbarer Höhe einen Schacht herunterpoltert und gleich zu Händen des sich nicht besonders beeindruckt zeigenden Apothekers bereitliegt;
- dass gleichzeitig dann die Gebrauchsanweisung auf einer Etikette ausgedruckt wird, die der Apotheker nur noch von dem Etikettenstreifen abzulösen und mit eleganter Hand auf die Schachtel zu kleben braucht;
- dass dabei auch noch automatisch die Rechnung für die Krankenkasse erstellt und abgeschickt wird.
Das alles ist eine saubere Sache, die, wie alles, was reibungslos klappt, meinen Respekt gewinnt. Zu Hause lese ich dann:
«3mal täglich in jedes Asenloch ein Spraystoss geben, maximal 7 Tage»
und bin sogar fast etwas erleichtert, dass wenigstens die Sprache noch etwas Reibung bietet.
Mittwoch, 5. November 2014
House of Cards. — Diese lächerlichen Mittwochs-Dreiviertelstunden-Folgen im ORF1. Zugegeben: Es zieht mich rein, jedesmal, für die kurzen, angespannten 45 Minuten, und dann, kaum hab' ich mich warmgekuckt, werde ich hinausgeworfen aus dem Kartenhaus. Ich beginne, was ich früher nicht kapieren wollte, die Serien-Junkies zu verstehen.