Tagebuch 2014
Donnerstag, 20. November 2014
Madame Bovary. — Zwischenhalt in der klassischen Literatur. Seit Tagen versenkt in Flauberts Meisterwerk, angesichts dessen einem fast bange wird um den deutschen Realismus. Die unvergleichliche Szene des Treffens von Emma mit Léon in der Kathedrale. Léon nur ein Ziel im Kopf, Emma im blinden Widerstreit der Gefühle und der «Schweizer», der sich unerbittlich dazwischenklemmt, um die Schätze seiner Kirche in allen Details zu erläutern. Dann der fast kriegsmäßige 'Abgang' mit der Kutschenfahrt, die reales Geschehnis und Metapher zugleich ist. Nicht zu überbieten.
Montag, 24. November 2014
Kann es sein, dass man im Alter radikaler wird und widerborstig, wenn's sein muss? Vor allem gegenüber den Institutionen, die ihren Stil wechseln und glauben, sich, um jung zu wirken, bedenklichen Tendenzen der Gegenwart anschließen zu müssen?
Dienstag, 25. November 2014
Die größte Bibliothek in Zürich zum Beispiel. Von einem Tag auf den anderen fast verjüngen sich Crew und Gebräuche, die dann eben keine Gebräuche mehr sind, sondern Direktiven, die, um sich gegen das Bisherige zu behaupten, keine Ausnahmen mehr dulden. Wer was will von solchen Monopol-Instituten, ist Bittsteller, nicht Kunde, und wird getreu den Regularien in den Senkel gestellt.
Dienstag, 2. Dezember 2014
Hat Kuno Raeber, dieser konservative Anarchist (gibt es das?), eine weitergehende Werkedition als die bestehende verdient? Was mit den Hunderten, vielleicht Tausenden von Nachlassgedichten, die sich in den Archivschachteln verstecken?
Mittwoch, 3. Dezember 2014
«Qualitätssicherung» – ein weiteres dieser Unwörter, hinter denen sich Einfallslose zu verschanzen lieben wie Beamte hinter Paragraphen.
Ich werde der Zentralbibliothek meine alten Mikrofilme zurückschicken, als Zeugen der jüngst vergangenen Qualitätssicherungs-Periode.
Donnerstag, 4. Dezember 2014
OSZE-Gipel in Basel. Belagerungszustand. Alle Zugänge zum Messegeländer abgeriegelt und von maschinenpistolenbewehrten Typen bewacht. Wer zum Badischen Bahnhof oder nach Riehen will, wird für das Umschiffen der Hochsicherheitszone zum Umsteigen auf Ersatzbusse gezwungen. Keine Abfalleimer mehr weit und breit, um das verschneuzte Taschentuch zu entsorgen. Den ganzen Nachmittag kreist ein Helikopter über der Stadt und spielt Abwehrbereitschaft. Was treibt mich dazu, dass ich diesen Protz abknallen möchte? (Inzwischen sind es drei, die über den Köpfen herumschwirren und die Scheiben erzittern machen).
Dem Artillerieverein Basel-Stadt allerdings wurde bewilligt, um 18.30 Uhr "zu Ehren der heiligen Barbara 23 Granaten aus einer Feldkanone vom Grossbasler Rheinufer in Richtung Kleinbasel abzufeuern" (20 Minuten). Die Heilige Barbara kann ja nichts dafür, dass genau an ihrem Geburtstag hier so ein Getue ist.