Tagebuch 2014
Dienstag, 24. Juni 2014
Literaturclub, helvetisch. — Unter dem freundlich lächelnden Stellvertreter-Moderator (Rainer Moritz aus Hamburg) gerät die SF-Veranstaltung noch einen Zacken langweiliger als zuvor. Und ist nun auch noch lammfromm. Elke Heidenreich hat, nachdem sie Stefan Zweifel überlebte, Kreide gefressen, die Literaturprofessorin ihr gegenüber schwenkt, so gut es geht, das Weihrauch-Fass. Nur Rüdiger Safranski plaudert stammelnd vor sich hin, wie er es schon immer tat. Er vermisst die traditionelle Erzählkunst und erzählt deshalb endlos auch die Inhalte jener Bücher nach, die ihrerseits sich zu erzählen weigern.
Ich war schon immer für Bücher. Ich bin auch jetzt noch für Bücher. Und seit dem Siegeszug der elektronischen Medien noch mehr. Aber der Literaturclub hält auch mich nicht bei der Stange, da beginne selbst ich – Gott sei's geklagt – umzuschalten. Zur gleichzeitigen WM-Übertragung, die vielleicht nicht bedeutsamer, aber spannender ist. Ich kann ja – das Medium sei gelobt – wieder zurück, zur literarischen Runde, wo eben der Heidegger-Biograph Safranski Peter Sloterdijks philosophisches Erzähltalent als Ansporn zur Sommerlektüre anpreist.
Samstag, 28. Juni 2014
Warum sind mir die Debatten um die österreichische Nationalhymne allesamt entgangen? Die NZZ erinnert heute daran, weil ein 'Volksrocker' zur Empörung der politisch Korrekten, aber offenbar ohne um die Brisanz zu wissen, gesungen hat «Heimat bist du großer Söhne» statt, wie ab 1. Jänner 2012 offiziell dekretiert, «Heimat großer Töchter und Söhne». Als ob die Genderfrage das Hauptproblem an dem Hymnentext wäre. Eine ausführliche und lehrreiche Darstellung des farcenreichen Hymnen-Handels findet sich bei Wikipedia. (Unbedingt anklicken!).
Samstag, 12. Juli 2014
Karl Ove Knausgård: Sterben. — Schon lange bin ich (sitzend, stehend, liegend) an diesem Buch. Es hält mich ab von anderen, schwierigeren und vielleicht besseren Büchern. Ich lasse es zu, wieso? Seit wann interessiere ich mich denn für endlose Ego-Trips? Dieses Ich, das genau so wie der Autor heißt und wahrscheinlich auch genau so einer wie der Autor ist, erlaubt sich viel. Hat, wie nun mal der Vater gestorben ist (was er sich doch ständig gewünscht hat), von Seite zu Seite mit den Tränen zu kämpfen, steckt sich eine Zigarette an, setzt Wasser auf, nimmt das Wasser ab, brüht den Kaffee an, trinkt den Kaffee aus, geht auf die Veranda, steckt sich eine weitere Zigarette an, kommt zurück, putzt am Treppengeländer rum, mit Klorix, mit Schmierseife, mit Viss-Scheuermilch. Und ich lese immer noch weiter. Sogar die Dialoge:
«Soll ich noch was mitbringen?» […]
«Nein, ich war schon einkaufen.»
«Okay, dann bis später.»
«Ja. Tschüss. Oder warte mal. Kakao.»
«Kakao», sagte ich. «Sonst noch was?»
«Nein, das war alles.»
«Okay. Tschüss!»
«Tschüss.»
(Ende des Dialogs.)
Okay. Tschüss dann, bis später!
Sonntag, 13. Juli 2014
Nochmals Bücher. 52 beste Bücher. – Offenbar verstehe ich nichts von der Sache. Verstehe nicht, wieso ich verstehen soll, dass das die besten Bücher sind. Oder verstehe es einfach nach der Sendung nicht mehr. (Aber vielleicht ist es ja der Dreizehnte, der mich so begriffsstutzig macht.)
Heute morgen also: Javier Cercas. Outlaws. Eine geschlagene Stunde lang Inhaltsangaben vor und zurück, durchsetzt mit Allgemeinplätzen des Autors über Autoren, Kafka zum Beispiel oder Cervantes, in deren Reihe Cercas sich stellt. Die Kulturjournalistin fühlt sich ein und setzt hinter alles ein bestätigendes Ausrufezeichen. Muss das sein?
Samstag, 26. Juli 2014
Zurück aus den Sommerferien, deren Termin mir, als sogenanntem Anwohner, alljährlich durch das Basler Tattoo aufgezwungen wird. Zehn Tage Engadin (pure Natur) statt zehn Tage Tattoo, immerhin ein herrlicher Ersatz für den aufgeblähten, sich selbst maßlos überschätzenden Event («Spitzenmusiker», «beste Repräsentationsorchester», «emotionale Highlights für alle Sinne»).
Zurück, gerade rechtzeitig zurück, um die letzte halbe Stunde der «Dernière» mitzubekommen: den herzergreifenden Panflötenschmus des 18jährigen Solisten, «zBasel am mym Rhy», und die Schweizer Nationalhymne, deren unsäglicher Text mir nie mehr über die Lippen kommen soll – und die Dudelsäcke natürlich, ohne die in dieser Nostalgie-Kiste nichts geht.
Auf der Kasernenstraße alias Tattoostreet wird gefestet bis in allen Morgen hinein. Auf dem Treppenabsatz vor der Haustür zertrampelte Pommes frites und Ketchupsauce. Zum gefälligsten Frühstück.
Sonntag, 27. Juli 2014
Es ist nicht wegen Nietzsche, dass ich Sils-Maria mit seinem See, dem weiten Horizont und den flankierenden Bergen so mag. Viele pilgern hin ins Haus, wo Nietzsche gastierte, studieren die Exponate, die keineswegs einen ehrfurchtgebietenden Philosophen zeigen, beugen sich vor der Totenmaske, der echten wie der gefälschten, und nehmen mit dem Eintrittsgeld sogar in Kauf, dass oben in Nietzsches Bett in menschengroßer Gipsgestalt sein Schnurrbart – eine künstlerische Bosheit von Not Vital – schlummert. Hinterm Haus versteckt, fast verschämt, als wär ihnen der Andrang zuwider, stehn Adler und Schlange. Es ist gewiss nicht dieser Dinge wegen, dass ich Sils-Maria so mag.