Tagebuch 2014
Montag, 29. September 2014 (1)
Über Wochen ist mir, besessen von der Schwifting-Idee, nichts Tagebüchliches eingefallen. Tag für Tag wollte ich über Schwifting schreiben und hab es nicht zustande gebracht: «Ab nach Schwifting» oder «Ankunft in Schwifting» oder «Nichts Neues in Schwifting» oder «Wer kennt Schwifting». Ja, wer kennt eigentlich Schwifting? Und wer weiß Bescheid? Überhaupt diese -ing-Dörfer: Germering, Emmering, Schöngeising, Kottgeisering, Kaufering (hier bitte aussteigen!), Penzing, Scheuring, Prittriching, Egling, Gilching, Issing, Inning undsoweiter undsofort. All das gibt es irgendwo östlich des Bayerischen Lech, während auf der hiesigen Seite die -ingen-Dörfer den Ton angeben. Wäre es mir vergönnt, ich würde eine berühmte Studie über die ing und ingen schreiben. Was aber noch schwieriger wäre als die geplante Geschichte. Jedenfalls muss ich auf all das Zeug und vor allem auf Schwifting, an dem ich den Narren gefressen habe, zurückkommen. Bis später also.
Montag, 29. September 2014 (2)
Schwiftinger Notizen. Eins. — Verlässt man Schwifting Richtung Penzing, wird die «Dorfstraße» zur «Penzinger Straße». Nähert man sich auf der Penzinger Straße Penzing, wird die «Penzinger Straße» zur «Schwiftinger Straße». Logisch.
Dienstag, 30. September 2014
Schwiftinger Notizen. Zwei. — In Schwifting gibt es die Marienlinde. Sie soll 400 Jahre alt sein, eine Höhe von 25 Metern und einen Stammumfang von fast neun Metern aufweisen. Die Linde ist bei einem Sturm vor neun Jahren umgestürzt und liegt nun entwurzelt am Boden. In einigem Abstand davor steht, fest auf einer gemauerten Siegessäule, Maria in demütiger Pose, das Christuskind als eine aufrecht sitzende, scheinbar gewichtslose Puppe auf dem rechten Arm. Es hat nicht geholfen. Der Baum ist trotzdem gefallen, treibt allerdings jedes Jahr – das vielleicht ein Werk der Gebenedeiten – neue Zweige.
Mittwoch, 1. Oktober 2014
Schwifting Notizen. Drei. — Nicht genau, aber fast genau bei Schwifting, genauer bei Penzing und ganz genau an der Verlängerung unserer Schwiftinger Straße, die sich nun Kauferinger Straße nennt – an dieser Verlängerung also liegt der Flugplatz Landsberg, der eigentlich der Fliegerhorst Landsberg/Lech ist und den internationalen Zivilluftfahrtscode (wieso zivil?) ETSA trägt.
Mir wird es unheimlich an Unorten wie diesem, wo vor dem kapitalen Grounding von 1945 das Kampfgeschwader «Edelweiß» agierte und unter anderem auch (aus Versehen) die deutscheigene Stadt Freiburg i Br. bombardierte. Also brechen wir unsere Erkundigungstour ab und marschieren zurück auf der Kauferinger / Schwiftinger / Penzinger Straße direkt nach Schwifting, das keinen Flugplatz hat.
Donnerstag, 2. Oktober 2014
Manager-Deutsch. — Dem «Stücki», das ist das Basler Shopping-Mall, geht es schlecht. Davon kann sich jedermann leicht überzeugen: Die Gänge und Boutiquen sind nach fünf Jahren immer noch kundenfrei. Im Center-Manager-O-Ton heißt das: Das Shopping Center ist «wirtschaftlich noch nicht am Ziel angelangt». Folglich: «Es besteht also klar noch Potenzial.» Weitere Manager-Schnippsel: «Wertvolle Erfahrungen», «Flächenoptimierung», «Mietermix optimieren», «vielfältiges Erlebnis», «langfristig erfolgreich positionieren».
Der O-Ton-Chef ist neu und unverbraucht. Motto: Nordlicht sucht unlösbare Aufgabe zwecks Optimismus-Potenzierung.
(Zitate aus dem «Vogel Gryff», meiner absoluten Lieblings-Zeitung für das Kleinbasel
Samstag, 4. Oktober 2014
Ad memoriam D. F. Wallace.
- «In die Abstraktion sind alle Arten von Problemen und Kopfschmerzen eingebaut, das wissen wir alle.»
- «Es gibt einen Grund, weshalb all das so grässlich abstrakt aussieht: Es ist grässlich abstrakt.»
- «Aus Gründen, die uns mittlerweile bekannt sind, werden wir in diesem Paragraphen ein ziemliches Tempo an den Tag legen.»
- «Zunächst wollen wir, um uns mindestens zehn-hoch-drei Worte zu ersparen, zur Auffrischung einen Blick auf die zwei folgenden groben Graphen werfen.»
Alle Zitate sind dem Buch Die Entdeckung des Unendlichen entnommen, das ich mir vorsichtshalber fürs erste nur aus der Bibliothek ausgeliehen habe und das nun wegen Ablauf der Leihfrist zurückverlangt wird – zu einem Zeitpunkt, wo ich gerade die ersten paar Seiten (wenigstens deren Anliegen) begriffen zu haben glaubte. Keine Bettlektüre also.