Tagebuch 2014
Sonntag, 5. Oktober 2014

Ländliches Stilleben:
Traktor mit Pfauen
(Brändelistal-Hof)
Montag, 6. Oktober 2014
Titel des Tages (Blick):
«Augsburg-Spieler schiesst Gegner den Schuh in den Schritt!»
Mittwoch, 8. Oktober 2014
Ein schweizerdeutscher Teich. — Robert Walser ist ein wunderbarer Autor. Keine Frage. Aber muss denn alles, was von einem wunderbaren Autor kommt, auch wunderbar sein? Als 1396stes Bändchen ist in der Insel-Bücherei Walsers Mundart-Stück Der Teich erschienen: im Original-Wortlaut und als Übersetzung ins Hochdeutsche. Was in der Walser-Ausgabe von Jochen Greven in der Schüler- oder Jugendzeit angesiedelt wird, soll nun, einem «aufwendigen Handschriften- und Papiervergleich» zufolge «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» von einem Vierundzwanzigjährigen verfasst worden sein. Ich erlaube mir, Zweifel anzumelden. Reto Sorg, der Herausgeber des Insel-Bändchens, unterstützt die spätere Datierung implizit durch einen schönes und lehrreiches Nachwort, das an Walsers Text literarische Qualitäten herausarbeitet, die man nur herauszulesen vermag, wenn man zuvor viel hineingesteckt hat und Walser partout unübertrefflich findet. – Mir geht es nicht so, auch nach Lektüre des Nachworts nicht. Die «vollkommene Durchdringung äußerster Absichtslosigkeit und höchster Absicht» (Benjamin), die Reto Sorg auch für den Teich diagnostiziert, kann ich in den (absichtlich?) simplifizierten Sätzen nicht ausmachen. Weder mundartlich noch hochdeutsch.
Donnerstag, 9. Oktober 2014
Signers Koffer. Film von Peter Liechti in einer Hommage-Reihe des Neuen Kinos, Basel. — Liechtis Experimental- und Dokumentarfilme sind wie geschaffen für dieses wirklich alternative Kino. Und Roman Signer ist natürlich wie geschaffen für Liechtis unaufdringlich insistierende Kamera. Da redet einer einfach so vor sich hin und gibt Sätze von sich, die man vielleicht nicht aufschreiben möchte, weil sie dann als dozierte «Lebenserfahrung» verstanden werden könnten. Signer sagt sie aber so, dass sie sich wie Vorschläge ans eigene Leben ausnehmen, denen er selbst, obwohl sie unabdingbar scheinen, noch nicht unbedingt traut. Und so ist es auch mit Signers Experimenten.
Aus einem Plattenspieler ertönt der Marsch eines Blasmusikververeins. Über dem Plattenspieler hängt ein Sandsack an einem Seil, und man weiß, dass der Sack herunterfallen wird. Es ist eine Frage der Zeit, und nun beginnt man tatsächlich für die Blasmusik zu bangen und wünscht ihr noch viele schöne Sekunden, obwohl man zugleich darauf harrt, dass die Spannung endlich zum Ende kommt. Vielleicht wird man die Musik mehr und mehr lieben und – den Sack dennoch nicht hassen. Und nun der Knall – und es ist geschehn! Plattenspieler und Musik zerquetscht, unter dem ebenfalls zerquetschten und entleerten Sack. Und doch alles kein Klamauk!
Freitag, 10. Oktober 2014
Wenn man mindestens zwei Bücher von D. F. Wallace gelesen hat, verträgt man das simple Erzählen simpler Welten und das biedere Dialogisieren (X sagte … Y sagte …) nicht mehr. Bis auf weiteres. Das ist eine heiter-traurige Erfahrung, die keine Jury verbieten kann. Vielleicht funktioniert sie auch mit Thomas Pynchon, was mir zu testen noch bevorsteht.
Sonntag, 12. Oktober 2014

Grand Hotel Gießbach (über dem Brienzersee), durch den Schleier der fallenden Wasser
(Ein Felsvorsprung bietet die Möglichkeit, sich hinter das fallende Wasser zu begeben und so gleichsam mit den Augen des Wasserfalls in die Landschaft zu blicken.)