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Tagebuch 2014

Montag, 13. Oktober 2014

giessbachfall

«Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, daß wir nicht singen.»

(Franz Kafka: Der Ausflug ins Gebirge. In: Betrachtung. Leipzig 1912, S. 38)

Dienstag, 14. Oktober 2014

«Merlin» – das ist in diesem Fall nicht der Zauberer und Wahrsager des Artus-Hofs, sondern das Kieslastschiff, das vor Monaten in Basel umgekippt ist und seither kieloben im Rhein liegt. Alle Lokalzeitungen berichten und berichten davon. Heute ist glaubhaft die endgültige Bergung angesagt. Das Schiff soll umgekippt werden wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt und nicht mehr auf die Beine kommt. Das Ufer ist voll von Journalisten, Fotografen und AHV-Bezügern. Der megakräftige Kran zieht und zieht und hebt das Schiff um ein paar gefühlte Zentimeter. Dann aus und finito. Gegen fünf wird das Spektakel abgeblasen. Die Fotografen und Rentner verziehen sich. Fortsetzung angesagt

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Gegen Mittag flitzen Krähen wie schwarze Fetzen um die Hochhaus-Fenster. – Am Nachmittag macht Kiel-oben-Schiff «Merlin» auf dem Rhein noch immer keinen Wank, und die Männer, die ihm aufhelfen sollen, stehen ratlos (wie's den Anschein macht) um den Raupenkran herum, der auch nicht weiter zu wissen scheint. – Jetzt, am frühen Abend, geht plötzlich ein Platzregen nieder, wie's im Buche (wo eigentlich?) steht, und zwar außer aller Ordnung von Osten her, und wäscht die Fensterscheiben, um die längst keine schwarzen Fetzen mehr fliegen.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Der Trainer der schweizerischen Nationalmannschaft (Fussball, nehme ich an) ist frustriert:

«Wenn ich die Artikel lese, zweifle ich, ob wir alle in diesem Land das gleiche Ziel haben und gemeinsam an die EM nach Frankreich wollen. Vieles wird zu negativ dargestellt. Man sollte mehr Positives sehen und das der Öffentlichkeit auch übermitteln. Denn wir brauchen alle einander.» (20 Minuten, 15.10.2014)

Die geäußerten Zweifel sind berechtigt: Nicht alle haben das gleiche Ziel, und brauchen tu ich die EM meines Wissens auch nicht. Schade vielleicht.

Freitag, 17. Oktober 2014

merlin

(Vgl.Dienstag, 14.10.2014 / Mittwoch, 15.10.2014)

Samstag, 18. Oktober 2014

Anzeige aus dem Briefkasten der «illustrierten Familienzeitung» In freien Stunden, 12. März 1927:

5520. Der 18jähr. Sohn einer Witwe, die mit noch schulpflichtigem Töchterlein aus schmaler Pension leben muß, sollte eine passende Arbeitsstätte finden (nicht bei Bauer). Er ist groß, kräftig, sehr gesund, durchaus gutartig und anständig, aber faul. Er kann sehr gut fuhrwerken und ist ein großer Tierfreund. Seit Vaters Tod vermag die Mutter ihn gar nicht mehr zu meistern, er lebt wie ein Herr, läge am liebsten den ganzen Tag im Bett. Lohn würde nicht verlangt, dagegen Kost und Logis, Werktagskleider, Wäschebesorgung, Schuhe und kleines Taschengeld.

Ein reales Exempel zu Gottfried Kellers Pankraz, der Schmoller

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