Tagebuch 2014
Sonntag, 19. Oktober 2014
Die Illustrierte von 1927 (gestern) diente als Isolationsmaterial eines Rheintaler Hauses, das zum Vorschein kam, als die Schindeln der Nordseite abgetragen wurden. (Die Südseite war mit Zeitungen aus den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts isoliert und wurde vermutlich schon beim Bau des Hauses 1898 geschindelt). – Eine weitere Anzeige:
5513. Haben im Herbst viele Eicheln gesammelt, möchten sie als Kaffee-Ersatz verwerten. Haben eine große Familie. Wie stellen wir das an?
Montag, 20.Oktober 2014
«Es ist der erste Frühlingstag des Jahres 2001, und Maxine Tarnow, in manchen Systemen noch als Loeffler gespeichert, bringt ihre Jungen zur Schule.»
Dieser erste Satz eines 600seitigen Buches, in einer Buchhandlung gelesen, hat mich elektrisiert und dazu bewogen, den Wälzer zu kaufen. Genauer: der Nebensatz («in manchen Systemen noch als Loeffler gespeichert»). Er verspricht aus linker Hand, ohne alles Aufsehen, dass es viel zu entdecken geben wird («System», «noch», «Loeffler»). Ich stecke mittlwerweile auf Seite 406. Entdeckt habe ich noch nicht ganz so viel, wie der Anfangssatz versprach. Vielleicht bin ich zu sehr damit beschäftigt, mir die vielen Namen in dem verwirrenden Netzwerk zu merken, wenigstens so, dass ich sie, wiedererkennen und, nach ihnen suchend, zurückblättern kann.
Der Roman: «Bleeding Edge» (2013/2014) von Thomas Pynchon. Wieder ein amerikanischer Kraftakt (vgl. D. F. Wallace), der die US-Gesellschaft als ein einziges Konglomerat versiffter, sexgeschädiger, umweltverschmutzender krimineller Banden diagnostiziert.
Dienstag, 21. Oktober 2014
Der Literaturclub. — Erfreuliche, spannende Sendung mit völlig divergierenden Meinungen: «hart, aber fair», trotz der mehr als zurückhaltenden Moderation durch die strahlendfreundliche Nicola Steiner (geradezu ein erlösendes Aufatmen, als sie einmal entschieden dazwischen fährt: «Halt! Jetzt bin ich dran!»). Die Teilnehmer in erfrischend neuer Konstellation, zum Glück ohne den salbadernden Safranski.
Mittwoch, 22. Oktober 2014
Madame Bovary im Literaturhaus Basel. — Was für ein toller Text! Thomas Sarbacher liest aus der 29. Übersetzung des Flaubert-Romans, was schon durchaus genügt hätte. Einleitendende Zugabe: Stefan Zweifel produziert sich in hektisch-witzig-überbordend-imitierend-konkurrierend-einfühlendem Furioso. Den Fesseln des Literaturclubs entronnen, darf er sich auf dieser Bühne voll ausspielen.
Samstag, 25. Oktober 2014
Basler Messetürme
Montag, 27. Oktober 2014
Sontagabend-Fernsehen. Warum finden wir – die wir doch für nichts so sehr wie das Buch sind – es so vergnüglich, ja befreiend, wenn Denis Scheck in den «unendlichen Weiten der Lagerhallen des Zwischenbuchhändlers Koch Neff und Volkmar in der Heiligen Stadt Köln» den Spiegel-Bestsellern den Garaus macht?