Tagebuch 2016

Freitag, 29. Januar 2016

Lyrik-Festival. – Vermutlich gilt wirklich, dass man ein Gedicht mindestens zweimal hören muss, weil erst bei der Wiederholung man im Früheren das Spätere erinnern, im ersten Vers den letzten mithören kann. Gar nicht zu reden von den Zeilenbrüchen bei Nichtreimen, die eigentlich das Schriftbild mitfordern, was die Vortragenden zu den seltsamsten Pausierungen und Betonungsverrenkungen zwingt. Dagegen das Plausible der Spoken-Word-Aktionen, dass die Texte einzig im aktuellen Vortrag leben und sich, der Musik gleich, selbstvergessen im Ablauf verzehren.

 

Samstag, 30. Januar 2016

Gedicht-Anthologien. – Mit hilflosen Augen, eingeschüchtert, kuckt das einzelne kleine Gedicht mich an, unscheinbar unter einer Hundertschaft anderer. Deportiert, seines Kontextes beraubt, ist es sprachlos geworden oder zu fremder Sprechweise gezwungen. Ist denn nicht jedes achtbare Gedicht ein narzistisches Wesen, das nur sich allein möchte, und bestenfalls die anderen von gleicher Abkunft neben sich toleriert.

Ein Vierzeiler (Hänge) von Kuno Raeber, unten auf einer von fünfhundert Seiten (Schweizer-Lyrik-Total-Seiten) – das ist hart! Reduktionen heißt das Bändchen, in dem das Gedicht erstmals veröffentlicht wurde. "Reduktionen" ist Programm, und das Gedicht ist Teil dieses Programms. Jedes Kurzgedicht auf seiner Seite. So vermag es sich zu behaupten. In fremder Gesellschaft hingegen, ohne eingeführt zu werden, wirkt es verloren.

 

Donnerstag, 4. Februar 2016

De Schtrompf

A dem lange
Schtrompf lesme ond är
werd emmer länger
ond länger ond nömme
ufhöre met Lesme de Schtrompf
lampet öber d Schtäge
abe öber alli
Trett vo de Schtäge
lampet er abe ond d Lüt
wonderid sech
zonderscht: wohär
chond ächt dä Schtrompf ond wer
tod dra lesme ond wer
hed gnueg langi Bei zom dä Schtrompf
alegge am Ändi?

(Kuno Raeber: Abgewandt Zugewandt. Zürich: Ammann 1985, S. 74)

 

Freitag, 5. Februar 2016

Projektförderung, staatlich. – Gewiss würden die Götter, wenn es sie gäbe, sich amüsieren über den Ernst, mit dem heute Geisteswissenschaftlern technische Dinge abverlangt werden, von denen sie nichts verstehen, so dass sie gezwungen sind, mit dem Anschein gleicher Ernsthaftigkeit zu reagieren — was dann ein allgemeines inflationäres Scheinfechten ergibt, das, unter der Flagge von "Langzeitperspektive" und "Qualitätssicherung", über Abgründen segelt.

(Ein Amüsement für die direkt Beteiligten ist es offensichtlich nicht.)

 

Mittwoch, 10. Februar (ca.)

Ohne Kommentar.

Strategiepapier
Operativer HandlungsbedarfOpen-Access-Policy
Planungsperspektive
Rahmenbedingungen
Publikationsplattform
Digital Humanities
Know-How-Transfer
Factsheet
Institutionelle Verankerung
Lekungsausschuss
Steuerungsgruppe
Umsetzugsstrategien
Gedächtnisinstitution
Life Cyle Management
instantane Verfügbarkeit
Datenrepräsentation
Top-Down-Ansatz
Dokumentationswerkzeuge
Softwarearchitektur
Workflow Report
Toolkoordination
Bugreporting
Reviewing-Prozesse
Standard-Ontologien
Zeitstempel-basierte Versionierung
… … …
… …

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Donnerstag, 11. Februar 2016

erb

Lyrischer Umschlagtext: Elke Erb, Sonnenklar, hg. von Urs Engeler und Christian Filips, roughbook 032, Berlin 2015.