Tagebuch 2017
Montag, 24. Juli 2017
Ave Maria

Toteninsel
Dienstag, 25. Juli 2017
Und gestern hat in und um das Nietzsche-Haus auch die «Nietzsche Werkstatt» begonnen. Motto: «Werde, der du bist!» – Fünf Tagesversuche – denk ich mir angesichts der durchwegs sympathisch-umgänglichen Referenten – fünf Tagesversuche, Nietzsches Philosophie ins Human-Akztepable zu deuten.
Wie gesagt: denk ich mir, denn ich bin indessen vollauf damit beschäftigt, U.S. Beistand zu leisten bei ihrem mühsamen Unterfangen, ihre Landschafts-Fotografien an die krumm-bauchigen Wände des Treppenhauses zu pinnen: zu beiden Seiten von Not Vitals eingeschwärzten Nietzsche-Köpfen, die als verdreifachtes Orakel zu Segl (nicht Fisch, nicht Sonne!) dem Eintretenden von der Stirnwand herunter Dunkles („Werde, der du bist?“) raunen. (Dreifach widersprochen durch Vitals überdeutlich gesetzte Signatur: Not – Not – Not).
Mittwoch, 26. Juli 2017
Müd sind alle Sterne,
Grau kommt der Tag daher …
Donnerstag, 27. Juli 2017
Am vierten Tag werden dann auch die Bilder (Triptycha – Werke von Not Vital, Gerhard Richter, Ute Schendel) in den Verständnishorizont der Nietzsche-Werkstatt eingebettet:
Das Eine ist nur in der Spannung mit dem Anderen verstehbar: als Ergänzung, als Widerspruch oder als Frage, vor allem auch als Anregung zum eigenen Denken, Weiterdenken, Verstehen, Suchen …
– dabei glaubten wir doch eben noch, beim Hängen der Landschaftsbilder, ganz gemäß einer anderswo gesichteten Interpretation: Landschaft ist einfach.
So oder anders: Die Vernissage war schön, der Wein süffig und das Zusammensein danach im Freundeskreis wunderbar.
Freitag, 28. Juli 2017
Und dann ist da noch dieser Spazierstock von Herberst Distel, der ebenfalls am Freitag eingeweiht wurde. Dieses Ding nämlich steht, als ein überdimensioniertes Readymade, dem Nietzsche-Haus (wörtlich!) zur Seite und soll irgendwie als bräunlich-grauer Antistock einen anderen, unter weniger erfreulichen Umständen von Elisabeth Förster-Nietzsche an Adolf H. übergebenen weißen Spazierstock konterkarrieren. Genau allerdings hab ich die Sache nicht begriffen, was aber vielleicht auch nicht nötig war.
(Denn auch von ihm kann man füglich, wie von den Landschaften, sagen: Er ist jetzt einfach da!)
Donnerstag, 14. April 2017
Bern bei Regen. – Keine Sicht auf die Alpen. Aber die Geborgenheit unter den Arkaden! So geborgen, dass kein Durchkommen ist. Ein zäher Flanierstrom ohne Überholspur. Die Flaneuere: Chinesen, Japaner, Deutsche, Zürcher, Berner. Sogar Schwarze mit gemütlichster Berner Mundart. Und auf dem Bundesplatz (oder ist das der Bärenplatz?, oder war das vielleicht an einem sonnigeren Tag?) eine alphornierende Japanerin, die genau so über das Alphorn-Fa stolpert wie jeder xbeliebige eidgenössische Alphornist. [Dabei ist doch das Alphorn (was ich erst seit kurzem weiss) ein Blechblasinstrument, wohingegen das blecherne Saxophon (was ich schon lange weiss) ein Holzblasinstrument ist.] Doch Ernst beiseite: Die Arkaden sind eine wunderbare Einrichtung, ein vollwertiger Ersatz für das Alpenpanorama – wenn's regnet, jedenfalls. Und jeden Mittwoch freue ich mich, wenn's denn stimmt, kindlich auf einen regnerischen Berner-Donnerstag.