Tagebuch 2023

Freitag, 14. Juli 2023

Warnung! – Wie heute früh bekannt wurde, sind letzte Nacht mehrere der im Basler Kasernenareal internierten Dudelsäcke aus dem Gehege ausgebrochen und treiben sich an unvorhersehbaren Stellen in der Stadt herum. Vor unliebsamen Begegnungen wird dringend gewarnt. Keines falls sollte man sich auf ein Gespräch einlassen. Ihre heimtückische Taktik besteht nämlich darin, gleich in höchsten und grellsten Tönen mit Klagen zu beginnen und dabei die arglos Zuhörenden mit einer Gänsehautschicht zu überziehen, die sie völlig lahmlegen und schlimmstenfalls sogar ins Koma versetzen kann.

Vorsichtsmassnahme: Kopfhörer auf und immer die Notfallnummer griffbereit halten. 

 

Donnerstag, 13. Juli 2023

Seit Tagen das schreckliche Tattoo vor der Nase und im Ohr. Zwei Jahre wunderbare Ruhe, und jetzt ist das Elend zurück. Die immergleiche Marschmusik und dazwischen die Dudelsäcker, noch mehr, noch lauter … 

Gewarnt wird vor "Gänsehaut". 

(Grimmsches Wörterbuch: "Gänsehaut – angewandt auf die Menschenhaut, wenn sie durch Kälte oder Schreck zusammenschaudert, wo sie dann eine Ähnlichkeit zeigt mit der Haut einer gerupften und gebrühten Gans" (Bd. 4, Sp. 1271). 

– Ja dann nichts wie los zum fröhlichen Gänserupfen!

 

Samstag, 8. Juli 2023

Nochmals ein Versuch: ChatGPT und das Gendern. Ich habe das freundliche Programm aufgefordert zum Gendern des relativ einfachen Satzes:  Der Lehrer lobt den Schüler, was ihn freut. Die umgehende hilfsbereite Antwort:

GPT:
Hier sind verschiedene Varianten des von Ihnen vorgegebenen Satzes in gendergerechter Sprache:

  1. Der Lehrer/die Lehrerin lobt seinen/ihren Schüler/seine/ihre Schülerin, was ihn/sie freut.
  2. Der Lehrer oder die Lehrerin lobt seinen oder ihren Schüler oder seine oder ihre Schülerin, was ihn oder sie freut.
  3. Die Lehrkraft lobt ihre Schülerin oder ihren Schüler, was sie oder ihn freut.
  4. Die Lehrperson lobt ihre Schülerin oder ihren Schüler, was sie oder ihn freut.
  5. Der Lehrerinnen lobt seinenihr Schülerin, was ihnsie freut.
  6. Der Lehrer lobt die Schülerin oder den Schüler, was sie oder ihn freut.

Ich:
Und jetzt bitte noch die Sternchen- und die Doppelpunkt-Variante.

GPT:
Selbstverständlich, hier sind die von Ihnen gewünschten Varianten mit Sternchen (*) und Doppelpunkt (:):

  1. Der Lehrer*in lobt seinen:ihren Schüler:in, was ihn:sie freut.
  2. Der Lehrer:in lobt seinen:ihren Schüler:in, was ihn:sie freut.

Bitte beachten Sie, dass diese Varianten nicht in allen Sprachkontexten etabliert sind und unterschiedlich wahrgenommen werden können. Die Verwendung von Sternchen (*) oder Doppelpunkt (:) als gendergerechte Schreibweisen ist Gegenstand von Diskussionen und individuellen Präferenzen. Es ist wichtig, die Vorlieben der betroffenen Personen oder der jeweiligen Gemeinschaft zu berücksichtigen.

Ich:
Kurz, das reine Sprachbabylon.
( "Gott strafte subtil: Er schickte keine Sintflut, sondern schuf die babylonische Sprachverwirrung.")

 

Freitag, 7. Juli 2023

ChatGPT – Ein paar weitere Versuche. Da das Programm nicht auf Websiten, Handbücher usw. zugreifen kann, ist es zur Wissensvermittlung absolut unbrauchbar. Ja gefährlich, weil die Antworten so daherkommen, als ob die Inhalte zuverlässig wären. Sämtliche Fragen zu Autoren, literarischen Werken, Motiven, die ich versuchsweise stellte, wurden falsch beantwortet. Dafür entschuldigt sich das arme KI-Monster zwar hundert Mal, ohne aber die Malaise in geringster Weise beheben zu können. 

Einzig brauchbar zu Spiel- und Unterhaltungszwecken. Aber auch das nur, bis die Antwortschemata zu offensichtlich werden.

Das Verrückte an der Sache: dass man, fragend und nachfragend, die App immer stärker als ein lebendes Wesen imaginiert, das man nicht kritisieren und beleidigen möchte, fast bemitleidet.

 

Mittwoch, 6. Juli 2023

Erste Erfahrungen mit ChatGPT. Totaler Spass, solange man's nicht ernst nimmt. Wer gerne einen Gesprächsparter hat, der sich alles ruhig anhört, für alles und alle Verständnis zeigt, hundert Mal das Gleiche in Varianten zu wiederholen bereit ist, keine Gefühle verletzt, immer für Ausgleich plädiert und sogar durchwegs gut deutsch spricht – der/die/das ist hier goldrichtig.

Die meisten Daten, die ich z.B. aus dem Literaturbereich abfragte, waren fragwürdig oder falsch. Aber in so überzeugendem Gestus vorgebracht, dass man's glaubt, ob es stimmt oder nicht. Er/sie/es muss noch vielviel lernen. Dann aber wird's ernst – und gefährlich.

Ein Beispiel-Gespräch über meinen fiktiven Tierhaushalt:

ChatGPT:
Es ist wichtig zu bedenken, dass Tiere nicht dieselben komplexen Glaubenssysteme wie Menschen haben. Ihre Bedürfnisse und Wohlbefinden basieren eher auf Instinkten, körperlicher Gesundheit, sozialem Verhalten und Umweltanpassung.

Ich:
O doch, mein Papagei hat ein eigenes Glaubenssystem entwickelt.

ChatGPT:
Wenn Ihr Papagei bestimmte Verhaltensweisen zeigt, die für Sie wie ein Glaubenssystem aussehen, ist es wichtig, dies zu respektieren und darauf einzugehen, solange es das Wohlbefinden des Vogels nicht beeinträchtigt. Jedes Tier hat seine eigene Persönlichkeit und individuelle Bedürfnisse, und es ist wichtig, diese zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren.

Ich:
Das Wohlbefinden des Papageis blüht auf, wenn er von seinem Glaubenssystem spricht. Das habe ich vergessen zu sagen. Sonntags pflegt der Papagei sein System vor der ganzen Menagerie auszubreiten. Dann beten wir auch zusammen. Nur der Marder will nicht.  

ChatGPT:
Es ist schön zu hören, dass Ihr Papagei Freude und Wohlbefinden durch sein "Glaubenssystem" erfährt. Tiere können auf verschiedene Weisen auf ihre Umgebung und Interaktionen reagieren, und es ist wichtig, ihre individuellen Bedürfnisse und Vorlieben zu respektieren.
Es scheint, dass diese Interaktionen mit dem Papagei und der Menagerie für Sie und Ihre Haustiere bedeutsam sind. Solange diese Aktivitäten das Wohlbefinden aller Beteiligten fördern und keine negativen Auswirkungen haben, können sie Teil Ihrer gemeinsamen Erfahrungen sein.
Es ist jedoch wichtig, darauf zu achten, dass der Marder nicht gezwungen wird, an diesen Aktivitäten teilzunehmen, wenn er nicht möchte. Jedes Tier hat seine eigenen Vorlieben und Grenzen, und es ist wichtig, diese zu respektieren. Eine gewaltfreie und respektvolle Koexistenz zwischen den Tieren in Ihrer Haushaltsgemeinschaft ist von großer Bedeutung.
Wenn Sie weitere Fragen oder Anliegen haben oder Ratschläge zur Pflege Ihrer Haustiere benötigen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

 

Sonntag, 2. Juli 2023

Zensur – Das war klipp und klar. Für mich jedenfalls. Den fertigen Satz für mein Dorf-Buch habe ich abgeliefert, vor Monaten, und der Verlag wollte nur noch die Endgestaltung überlegen. Und gestern dann, unvermutet, die Verlags-Botschaft per Mail:

Im Zuge unserer Arbeit an dem Buch, haben sich grosse Diskussionen entfacht. Die Gestalterinnen wollen mit gewissen Textstellen nicht in Berührung gebracht werden und fordern Zensur oder Umformulierung. Auch verlagsintern wurde hitzig diskutiert in den letzten Wochen. In der Schweiz und im speziellen in Deutschland, würde die Veröffentlichung des Textes starke Reaktionen mit sich bringen. Ich kann einer Veröffentlichung deines Textes nicht zusagen und ziehe mich hiermit zurück. 

That's it. Basta!

 

Montag, 26. Juni 2023

Aus Robert Walsers Zaubertüte:
Ich war wie ein Duft, wie ein Gefühl; ich war wie das Gefühl im Herzen der Dame, die an mich dachte.

(Kleine Dichtungen von Robert Walser. Leipzig 1915, S. 62, "Ein Traum")

 

Freitag, 26. Mai 2023

Einstellhalle

Happy Birthday! Und frohes Erwachen in der Einstellhalle!

 

Donnerstag, 13. April 2023

An- und Überschriften, Werbesprüche an allen Ecken und Enden. Jedes zweite Tram, jedes vierte oder fünfte Auto herausfordernd beschriftet. «Facility Services» – hammermässig! Mein Protest: Fehllesungen. Wandelt den Blödsinn in Poesie! Übt Euch in Fehllesungen.

Bei mir funktioniert das schon ganz ungewollt. Meine Fehllesungen – Freuds Versprecher. Bei mir um die Ecke zum Beispiel: «Gehirnwaschautomaten-Center». Und fast schon hätte ich mich angemeldet. 

Reklame

  

Mittwoch, 12. April 2023

Vielleicht. Vielleicht will ich es nochmals versuchen. Nochmals, hier und anderswo, zu schreiben beginnen. Trotz allem, was schon geschrieben steht. Was tagtäglich rundum vor und hinter mir geschrieben wird. Trotz der Sprachverbote, die mir tagtäglich rundum, Radio vorne, TV hinten, auferlegt werden. Die ich mir zu missachten geschworen habe. Vielleicht nochmals.

Und dann lese ich in einem fremden Buch, das ein fremder Autor an seine Mutter schreibt, übersetzt von einer Frau, die tatsächlich «Mittag» heisst – dann also lese ich in diesem Buch auf Seite 93 von einem Nagelstudio, in dem sich eine alte Vietnamesin von besagter Mutter ihren Beinstumpf, nein: ihren Phantomschmerz jenseits dieses Beinstumpfs massieren lässt. Und was soll ich da, mit meinem gelegentlichen Zahnschmerz und meinem vermurksten Ärger über die Sprachqueerelen noch schreiben?

(Ocean Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios. München 2019)

 

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  1. Dienstag, 11. April 2023